Mittwoch, 8. Juli 2009

Loki.

Tag für Tag grasten die Schafe auf der Weide. Es waren wirklich schöne Schafe, womöglich die schönsten Schafe, die die Erde je gesehen hatte. Aber unter all den Schafen war Loki das schlauste, schönste und einzigartigste Schaf. Ein kohlschwarzes Gesicht und weiße Wolle, die sich wie Wolkenschlösser auf seinem prächtigen Körper türmten. Und so weiß, wie seine Wolle war, so weise war auch sein Geist. Er kannte als einziger alle Namen eines jeden Schafes der Herde und er war es auch, der mit den Schäferhunden verhandelte. So hatten also alle Respekt vor Loki, das wusste er selbst und wenn er über die Wiese stolzierte, so umgab ihn eine ganz eigene Aura, etwas, das sonst kein Schaf besaß, eine Art Mal, das permanent über ihm schwebte. Er war etwas besonderes.
Aber gerade das, hach, wie könnte es anders sein, war sein Fluch. Er hatte niemanden, der seine Gedanken teilte, niemanden, der ihm ähnlich war. Verzweifelt belästigte er also die anderen Schafe mit dem was ihm im Kopf rumging. So gabe es Tage, an denen Loki umherlief und jedes Schaf, dass ihm in den Weg kam fragte, ob es denn ausser Gras fressen, schlafen und Paarung nichts weiter wünsche? "Was sollte man sich denn noch wünschen?", bekam er dann meist als Antwort und sein Gegenüber verdrehte fragend die Augen. Nachts lag Loki lange alleine wach. Wer sich ein Mal vom blosen, tagtäglichen Grasfressen löst, der findet nicht mehr zurück, der gibt sich auf eine weite Reise an deren Ende es vielleicht gar kein Ziel gibt. Loki wusste das. Aber er konnte nicht mehr Gras fressen, nein, sein Leben lang nur Gras fressen würde ihn aushölen und aufblähen, bis er platzen würde. Er musste fort und etwas anderes als Gras finden, das Schlimme war nur, dass er nicht wusste, ob es etwas besseres als Gras fressen überhaupt gab. Nachher hatten alle anderen Recht, nur er war irgendwie auf eine schiefe Bahn geraten. Denn wenn es wirklich nur das schnöde Gras gab und sonst nichts, was einem auf angenehme Weise die Zeit auf diesem Planeten nehmen könnte, dann konnte er sich auch gleich an das Tor des Schlachthauses stellen. Aber dann würde er wenigstens wissen wo er hingehört.

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