Donnerstag, 9. Juli 2009

Es ist (eigentlich) genug für alle da.

Es war Tante Ediths 60. Geburtstag. Man feierte im Hirsch. Das war kein besonderes Restaurant, aber auch keine Kneipe. Es war eines von denen Restaurants, wo eben Familienanlässe gefeiert wurden. Es war schon etwas später, die dicken Bäuche der alten Männer drückten gegen Gürtel und Hemd, die ersten gingen. Das eine oder andere Gesicht war schon etwas röter als sonst. Passiert war nicht viel, das Highlight war das Essen gewesen, weswegen man wohl auch größtenteils gekommen war. Der Raum wurde durch bunte Lichterketten beleuchtet, grüne, blaue, gelbe und rote Glühbirnen himmelten einen also von oben an. Ich war müde, müde vom Essen, vom small-talk mit den Verwandten und vom Rauch der Zigarillos, die man sich jetzt gönnte. Da setzte sich mein Onkel Heiko neben mich. Heiko war 38 Jahre alt. Ich unterhielt mich eine Weile mit ihm. Er wollte wissen, ob ich dies und das noch zocke und war entzückt, als er erfuhr, dass ich noch ein aktiver Terroristenvernichter war, von Zeit zu Zeit und natürlich nur virtuell. Er wollte unbedingt mal gegen mich spielen und ich versprach ihm das, was ihn schienbar sehr glücklich machte. Ob er denn immer noch keine gefunden hätte, wollte ich dann wissen, weil mir das Gelaber über PC-Spiele zum Hals raushing. Nein, natürlich niemand, warum fragte ich überhaupt noch. Immer noch niemand. Heiko war Kettenraucher, schmächtig, aber nicht hässlich. Außerdem nicht arm. Er war eigentlich frei jede Frau anzusprechen und zu fragen, ob sie mit ihm essen gehen wolle, aber er tat es nicht. Er saß in seiner Wohnung vor dem Bildschirm, er aß, schlief, arbeitete. Ab und zu wusch er Wäsche, oder besuchte seine Mutter. Alle paar Wochen ging er mit ein paar Freunden von der Arbeit essen. Warum dies alles? Warum sucht sich ein Mensch, Single, vermögend so ein Leben aus. Warum baut er sich selbst diese Barrikaden, indem er sich vor Menschen fürchtet, seitdem, ja seitdem seine Ex Schluss gemacht hat. Woher diese Kastration? Warum schmeißen die Menschen alles weg, was ihnen geboten wird, nur damit sie im Endeffekt das Leben ausschließlich noch über das Fernsehen erleben wollen? Wie sein Geist um seinen eigenen Kopf herumschlich. Und der verbot ihm hier oder da langzugehen. Frei sein, das heißt wohl sich selber nicht mehr im Weg stehen, das heißt wohl Überwindung, in erster Linie Selbstüberwindung. Denn sonst kann man einem Menschen das Gold auf Porzellan servieren, er wird doch bei der Scheiße bleiben, die er tagtäglich frisst. Natürlich ist das Leben oft ein stinkendes Moloch, natürlich kann man auf die Fresse fallen, aber verdammt nochmal, da suhl ich mich lieber im Dreck und bin glücklich dabei, als dass ich mit Gummistiefeln und im Regenmantel ängstlich davorstehe und mich nicht reintraue, wie ein Kind am Schwimmerbecken, wie ein Vogel, der das Fliegen aufgibt, weil ihm die Statistik gesagt hat, dass pro Jahr so und so viel Vögel beim Fliegen ums Leben gekommen sind. Abstürze, Zusammenstöße, Aussetzer, na und?

Das hätte ich ihm sagen sollen, genau das. Und doch habe ich es nicht getan. Vielleicht hätte er genau so etwas gebraucht, irgendjemanden, der ihm genau das mal ins Gesicht sagt. Aber ich habe es nicht getan. Ich habe es nicht getan. Es war schon spät. Bald darauf ging ich.

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